„Gottesdienst feiern im Angesicht Israels“ lautete das Thema der diesjährigen Delegiertenversammlung der „Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise ‚Christen und Juden’ im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland“ www.klak.org. Einunddreißig Delegierte aus zwanzig Landeskirchen nahmen teil. Wir hörten und diskutierten zum Tagungs-Thema drei Hauptvorträge sowie einen Ausschussbericht und feierten Andachten und einen Abendmahlsgottesdienst. Das Abraham-Geiger-Kolleg Potsdam und das Projekt der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) „Weißt du wer ich bin?“ wurden vorgestellt, zwei Jubiläen - 30 Jahre KLAK und 50 Jahre Aktion Sühnezeichen Friedensdienste – wurden begangen und eine lange Liste der KLAK-Geschäftsführung von mehr als fünfzehn Tagesordnungspunkte durchgearbeitet. Vier Arbeitsgruppen nahmen sich folgende Themen vor: 1) Die Arbeitshilfe der rheinischen Kirche über die Erneuerung des Gottesdienstes, 2) Plan einer Reform der Perikopenordnung (Ordnung der Predigttexte), 3) Kirchentag 2009 in Bremen und 4) 60 Jahre Staat Israel. Außerdem kamen die vier Regionalgruppen der KLAK zu separaten Sitzungen zusammen. Dank der gründlichen Vorbereitung durch den Vorstand wurde die für die Tagung zur Verfügung stehende Zeit optimal ausgenutzt. Im Folgenden gebe ich eine kurze Zusammenfassung der Hauptreferate: Dr. Irene Mildenberger, Leiterin des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD Leipzig , eröffnete den Diskurs mit der Frage nach „Kriterien eines Gottesdienstes im Gegenüber zu Israel“. Lange Zeit, so die Referentin, sei in der Kirche die Diskontinuität, die Antithese, der Abbruch zwischen christlichem und jüdischem Gottesdienst betont worden. Nichtwahrnehmung oder Überbietung des Judentums, die Behauptung seiner Ersetzung oder Beerbung durch das Christentum waren die Norm. Von Anfang an waren die Gottesdienste der Kirche jedoch vom reichen Erbe der jüdischen Religion gespeist worden. Erst „als jemand der Gedanke kam, dass Jesus Jude war“, so Gregory Dix, wurde diese Erkenntnis zurück gewonnen, doch, so Mildenberger, sie brauche eine lange Zeit um durchzudringen. Ein Beispiel: bis 1993 war in der Bibliothek des Liturgiewissenschaftlichen Instituts Leipzig kein einziges jüdisches Gebetbuch vorhanden. Neuere Forschung ergeben folgendes Bild: Judentum und Christentum sind nebeneinander entstanden. Vom 1. bis 3. Jahrhundert gab es in beiden, damals noch nicht vollständig getrennten, Religionen eine große Vielfalt und gegenseitige Beeinflussung. Auch nach der Besiegelung der Trennung vom 4. Jahrhundert an setzte sich die wechselseitige Beeinflussung fort. Heute erkennt die Kirche an: es gibt zwei unterschiedliche „Ausgänge“ der Hebräischen Bibel, die beide ihr Recht haben, den jüdischen und den christlichen. Was für die Bibelauslegung zutrifft, kann auch für die Liturgie gesagt werden: die Formen heutiger jüdischer und christlicher Gottesdienste gehen auf den Gottesdienst im Jerusalemer Tempel zurück. Am Beispiel von Ostern und Pessach führte Mildenberger aus, wie eine solche Beeinflussung im Detail vorzustellen sei. Der israelische Wissenschaftler Israel Yuval geht davon aus, dass „Pessach auf Ostern reagiert“ habe. Am Schluss formulierte die Vortragende einige Kriterien eines Gottesdienstes im Gegenüber zu Israel: 1. Im christlichen Gottesdienst ist positiv und korrekt über Israel zu sprechen. 2. Das Gebet ist Reden zu Gott, es ist nicht dafür geeignet, die Gemeinde zu belehren. 3. Die eigene christliche Tradition hat ein Recht neben der jüdischen. So muss man zwar nicht, kann aber ein Psalmgebet mit dem trinitarischen „Ehre sei dem Vater“ abschließen. 4. Gemeinsamkeiten und Berührungen von Judentum und Christentum sollen dankbar wahrgenommen und bewusst gemacht (ausgesprochen) werden. 5. Auch heute können Anregungen aus dem Judentum aufgenommen werden, nicht jedoch in direktem Kopieren jüdischer Bräuche. Dr. Alexander Deeg, Universität Erlangen , knüpfte an sein Referat vom Januar 2007 an und sprach über „Das Abendmahl zwischen Opfervollzug und Freudenfest“. Mit großem didaktischem und rhetorischem Geschick präsentierte Deeg „etwas Kühnes“: Er diagnostizierte vier Probleme des Abendmahls und empfahl als Therapie, die alle vier Probleme löse, den christlich-jüdischen Dialog. Als erstes konstatierte Deeg eine Sinnkrise des Abendmahls. Keine der aktuellen ritualtheoretischen oder ethischen Deutungen erfasse Probleme und Chancen des Abendmahls voll. Zweitens kehrten mit dem Angriff auf die Sühnopfer-Deutung des Abendmahls – Jesus habe einen „neuen Gott“ gebracht, der keine Opfer mehr brauche – marcionitische (antijudaistische ) Argumentationsmuster in die Theologie zurück. Diese theologische Unsicherheit verleite drittens dazu, die Event-Erfahrung bei der Feier des Abendmahls zu verstärken. Und viertens gebe es die bekannten ökumenischen Probleme mit dem Abendmahlsverständnis. Die Lösungen: Auf die Sinnfrage antwortet Deeg mit dem hebräischen Opferbegriff qorban, der durch Buber und Rosenzweig mit „Nahung“ bzw. „Darnahung“ verdeutscht werde. Ein solches Verständnis besage: auf diesen Handlungsvollzügen liegt die Verheißung der Nahung von Gott und Mensch. Göttliches und menschliches Handeln im Abendmahl lassen sich nicht in unterschiedliche Akte aufteilen. Nur der Vollzug („Solches tut!“) helfe aus der Sinnkrise heraus. Zum zweiten Punkt brachte der Referent einen Vergleich frühchristlicher Abendmahlstraditionen. Die Didache (Gemeindeordnung, 2. Jh.) betone beim Abendmahl mit Bezug auf Israel die Danksagung, durchgesetzt habe sich jedoch die paulinische Auslegung der Feier zum Gedächtnis an Tod und Auferstehung Jesu. Deeg warnte davor, den Danksagungscharakter des Abendmahls banal und israelvergessen wiederzubeleben. Mit Hilfe des qorban-Begriffs lassen sich Tod und Auferstehung Jesu als Eröffnung des Zugangs zu Gott verstehen. Die Individualisierung des Sündopfergedankens und eine Fixierung auf die Elemente Brot und Wein seien zu vermeiden. Im Gesamtgeschehen des Abendmahls werde Gottes Handeln an uns allen erfahrbar. Es könne verstanden werden als Dankesmahl in Erwartung der Erlösung durch den wiederkommenden Herrn. Drittens riet der Referent, das Abendmahl nicht als Event zu feiern, sondern es unspektakulär und selbstverständlich zu tun – nicht zur Befriedigung eigener Bedürfnisse, sondern im Einklang mit den unsagbaren Geheimnissen (Abraham Joshua Heschel). Das vierte Problem, das ökumenische, sei zu lösen, indem wir neu ansetzen und unser Verhältnis zum Judentum als die eine große ökumenische Frage verstehen. Jesu Feier mit seinen Jüngern sei eine jüdische Tischgemeinschaft gewesen. Mit Jesus sei beim Abendmahl ein Jude gegenwärtig. Die endzeitliche Vision von Offenbarung 4 versammle in den 24 Ältesten (nach Deegs Deutung) die zwölf Stammväter Israels mit den zwölf Aposteln der Kirche. In diese Perspektive führe uns das Abendmahl. Das dritte Hauptreferat hielt Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau vom Institut für Evangelische Theologie der Freien Universität Berlin über „Die Bibel in gerechter Sprache“ (BigS). Dieckmann, der für die BigS das Buch „Kohelet“ (Prediger) übersetzte, sprach über den christlich- jüdischen Dialog als Hintergrund für diese Bibelübersetzung. Zunächst erläuterte er in fünf Punkten die Übersetzungskriterien der „Bibel in gerechter Sprache“: 1. Eine neue Übersetzung in Treue zum Originaltext, 2. Sie soll verständlich sein. Verständlichkeit und Texttreue sind die beiden Grundkriterien, sie stehen in Konkurrenz zueinander. 3. Sprachliche Fairness in Bezug auf die Geschlechter. 4. Respekt gegenüber der jüdischen Lektüre. 5. Besonderes Augenmerk auf den eigentlich unübersetzbaren und nach jüdischer Auffassung unaussprechbaren Gottesnamen. Kaum eine andere Bibelübersetzung, so der Referent, lege ihre Kriterien so ausführlich dar wie die BigS. Weiter schaffe sie (im Unterschied etwa zur neu erschienenen, gemeinschaftlich übersetzten Zürcher Bibel) durch Nennung von Namen Transparenz, wer welches biblische Buch übersetzt habe. Viele Christen vergäßen über der Lektüre der Lutherbibel oder anderer nur von einer Person übersetzten Bibelausgaben, dass die Bibel viele verschiedene Verfasser und unterschiedliche Sprachstile aus mehreren hebräischen Sprachepochen habe. Dann kam Dieckmann auf die Reaktionen auf die BigS zu sprechen. Diese seien überwiegend positiv. In Gruppengesprächen gäbe es, wenn überhaupt, meist nur einen einzigen scharfen Kritiker pro Gruppe. Die anderen Teilnehmer/innen näherten sich der BigS teils skeptisch, teils interessiert, neugierig bis begeistert. Unter über eintausend schriftlichen Reaktionen an Autorinnen und Autoren seien nur zwanzig scharfe Kritiken oder Schmähungen. Bei Presseberichten sehe es allerdings anders aus: positive und negative hielten sich die Waage. In der Öffentlichkeit hätten einige wenige, prominent in Feuilletons platzierte, vernichtende Reaktionen Aufsehen erregt. Manche von ihnen kamen bereits vor Veröffentlichung der BigS und waren auf die vorläufige Arbeitsversion des Textes bezogen. Manche der Kritiker setzten ihr eigenes Textverständnis mit dem Urtext und dem Sinn der Bibel gleich und fällten scharfe Urteile. Andere, die es nach eigener Aussage nicht schon von vorn herein besser wüssten, neigten zu differenzierter Analyse der BigS. Dieckmann sagte, er kenne (neben einigen mündlichen Äußerungen) nur drei schriftliche Reaktionen jüdischer Kritiker. Michel Bollag vom Zürcher Jüdischen Lehrhaus hielte die BigS für ein „Zeichen der Umkehr und der Hoffnung“. In ihr werde die jüdische Lektüre eben der heiligen Schriften zur Sprache gebracht, die am 9.11.38 vernichtet werden sollte. Viviane Berg nenne die BigS „ein gelungenes Werk“. Prof. Dr. Micha Brumlik schrieb in der Frankfurter Rundschau von einem „neuen Kulturkampf“ um die alte antijudaistische christliche Auslegung und die neue Paulusinterpretation der BigS. Zusammengefasst seien Christinnen und Christen sehr kritisch, kritisch- konstruktiv oder positiv zur BigS eingestellt, Jüdinnen und Juden längst nicht so kritisch wie Christen. Die EKD habe eine Empfehlung herausgegeben, die BigS nicht im Gottesdienst zu verwenden. Während einige Landeskirche sich diese Empfehlung nicht zu eigen machten, werde sie in anderen wie eine verbindliche Weisung von oben verstanden. So habe sich die nordelbische Bischöfin Bärbel Wartenberg- Potter bei einer Gottesdienstsendung mit der Ankündigung des EKD- Rundfunkrats konfrontiert gesehen, sollte sie die BigS verwenden, werde die Sendung abgeschaltet und eine Ersatzkassette eingelegt. Schon lange nicht mehr sei so intensiv und ausdauernd über die Bibel, ihre Übersetzung und Auslegung gestritten worden, so Dieckmann. Die öffentliche Aufmerksamkeit habe zu mittlerweile 70.000 verkauften Exemplaren in drei Auflagen des von Dieckmann lieber als „Gütersloher Bibel“ bezeichneten Buches geführt. Inzwischen liege auch eine CD- ROM-Ausgabe vor. Schließlich war bei der KLAK der Rabbinerstudent Adrian Schell als Referent zu Gast. Schell stellte das Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg vor. Ohne die Geschichte des liberalen Judentums könne man die Bedeutung dieser Einrichtung nicht verstehen, sagte er. Darum referierte er diese Geschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts ausführlich. Besonders die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872-1943) hatte für das Geiger-Kolleg Vorbildfunktion. Für die Gründung des Abraham-Geiger-Kollegs im Jahr 2001 war einerseits der Bedarf aufgrund der jüdischen Einwanderung aus Osteuropa, andererseits der Wunsch, auch Frauen zum Rabbineramt auszubilden, maßgebend. Das Institut ist Mitglied in der Weltunion für Progressives Judentum, es kooperiert mit der Universität Potsdam, dem Institut Machon in Moskau und den Hebrew Union Colleges (HUC) in Cincinnati und Jerusalem. Sehr gute Verbindungen bestehen auch zur Freien Universität Berlin und zur Fakultät für Katholische Theologie der Universität Bamberg. 2008 studieren 17 Männer und Frauen auf das Ziel des Rabbinerberufes hin. Sie belegen an der Universität Potsdam die Fächer Jüdische Studien und Religionswissenschaft und studieren dort unter 300 bis 400 nichtjüdischen Studierenden. Das Abraham-Geiger- Kolleg ergänzt dieses Studium durch Kurse nach dem Curriculum des HUC in Cincinnati. Noch interessanter als sein Vortrag schon war, war das nachfolgende Gespräch mit dem Referenten. Es war, als sprächen wir mit einem längst vertrauten Menschen über etwas, das uns zugleich bekannt, dem Studium der Theologie ähnlich, und doch auch fremd erscheint, eben eine Rabbinerausbildung. „Wir leben den christlich-jüdischen Dialog eigentlich jeden Tag an der Uni“, erzählt Schell. Er selbst hat 30 Semester-Wochenstunden belegt. Montags, Dienstags und Mittwochs studiert er an der Uni Potsdam, von Mittwoch Abend bis Freitag Mittag am Abraham-Geiger-Kolleg. Er lernt biblisches und heutiges Hebräisch, Chasanut (praktische Gestaltung der Liturgie und des Gottesdienstes), Liturgiegeschichte, practical rabbinics (jüdische Feste) und Philosophie und bekommt eine psychologische Supervision bzw. Gesprächs- Ausbildung durch eine evangelische Theologin. Die Inhalte der Seelsorge werden mit dem zuständigen Rabbiner besprochen. Auch das interreligiöse Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen wird am Geiger-Kolleg sehr ernst genommen. Die Studierenden arbeiten bereits während des Studiums einmal pro Monat ein Wochenende lang in einer Praktikumsgemeinde, geben Bar-Mizwa-Unterricht, halten in Personalunion von Rabbiner und Kantor Freitagabendgottesdienste, machen am Sabbat die Toralesung mit auslegender Predigt, danach den Kiddusch (Imbiss), außerdem geben sie Toraunterricht und führen Einzelgespräche. Im Vergleich zur Theologenausbildung bedeutet das: das Vikariat ist bereits ins Studium integriert. Demnächst wird er für ein Jahr am HUC Jerusalem studieren. Nach der Ordination zum Rabbiner wird er eine eigene Gemeinde übernehmen. Nicht von sich aus, sondern durch eine Frage aus dem Delegiertenkreis der KLAK dazu aufgefordert, berichtete Schell von den Aktivitäten so genannter messianisch-jüdischer Missionare auf dem Campus in Potsdam. Diese missionierten unter den wenigen jüdischen Studierenden ohne Respekt und Toleranz. Sie griffen die aus der kommunistischen Vergangenheit resultierende Angst der überwiegend russischen Einwanderer, Jude zu sein, auf und versprächen ihnen, durch die Taufe vor Verfolgung geschützt zu sein, weil sie dann keine Juden mehr seien. So jedenfalls kommt es laut Schell bei den Betroffenen an. Die KLAK erklärt in ihrer Satzung: Judenmission lehnen wir ab. Eine Arbeitsgruppe der KLAK beschäftigte sich in Berlin mit dem aktuellen Thema „60 Jahre Staat Israel“. Im Plenum kam es dann über die Frage, ob die KLAK aus diesem Anlass öffentlich Freude bekunden solle, zu einer kontroversen Diskussion. Da ich vermute, dass uns solche Diskussionen während des ganzen Jubiläumsjahres begleiten und wir, so hoffe ich, voneinander lernen werden, möchte ich das Thema am Schluss dieses Briefes noch nicht weiter vertiefen, sondern zunächst auf zwei interessante Links des Reformierten Bundes in Deutschland hinweisen, für die ich der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Reformierten Bundes Barbara Schenck danke: Christlich-jüdischer Dialog und deutsch-israelische Beziehungen 60 Jahre Staat Israel Michael Volkmann in Ölbaum Nr. 28/2008
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